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Ich freue mich über Ihr Interesse an der "Kostbaren Geschichte vom Glücklichsein".
Die Übersetzung ist noch im Entstehen und wird laufend fortgesetzt.

Das Srimad Bhagavatam


Das "Srimad Bhagavatam" gilt als das bedeutendste und umfassendste indische Buch heiliger Geschichten. In der heute vorliegenden Fassung soll es aus dem 9. oder 10. Jh. unserer Zeitrechnung stammen. Als Verfasser wird Vyasa genannt.
Dieses Buch erfüllt mich mit solcher Begeisterung, dass ich angefangen habe daraus zu übersetzen. Das ist für mich die intensivste Form der Beschäftigung mit einem Text.
Es ist eine Liebhaber-Übersetzung, keine akademische oder professionelle.
Sie hält sich an den Sanskrit-Originaltext.

„Der Glückliche“ ist die Bezeichnung für die Wirklichkeit, nicht als unpersönliches Prinzip, sondern in Person, sowie für die Inkarnationen dieser transzendenten Person, z.B. als Rama oder Krishna.
Auch die Verehrer dieser Person und ihrer Inkarnationen und das Buch der Erzählungen werden „glücklich“ genannt.
Sanskrit "Bhagavan" kann wiedergegeben werden mit: Gesegneter, Erhabener, Gott, Herr, Glücklicher, Verehrungswürdiger, Liebenswerter.
Ich übersetze mit "der Glückliche", weil dieser Begriff allgemein akzeptiert ist, unabhängig von Auffassung oder Religion. Jeder kann sich unter "glücklich" etwas vorstellen, jeder möchte es sein, und jeder merkt selbst, ob er es ist.
"Srimad" finde ich wiedergegeben mit: schön, reich, wertvoll.
Darum nenne ich meine Übersetzung des Srimad Bhagavatam
Die kostbare Geschichte vom Glücklichsein

Dienstag, 30. November 2010

1.14 Das Verschwinden Krishnas

1. Suta sprach: Arjuna hatte sich in die Hauptstadt Dvarakas begeben, um seine Freunde und Verwandten zu besuchen und Krishna, dessen Ruhm die vedischen Hymnen preisen. Er wollte auch erfahren, welches Krishnas weitere Pläne seien.

2. Als Arjuna nach einigen Monaten noch nicht von dort zurückgekehrt war, beobachtete König Yudhisthira verschiedene schreckenerregende Vorzeichen.

3. Die Zeit hatte eine ungünstige Wendung genommen. Der König bemerkte Unregelmäßigkeiten in den Jahreszeiten und sah, wie unter den Menschen in ihrer Sündhaftigkeit Ärger, Gier und Falschheit beim Erwerb des Lebensunterhalts um sich griffen.

4. Betrug wurde üblich bei den Geschäften, Misstrauen verdarb die Beziehungen zu Verwandten, Vätern, Müttern, Brüdern, und auch zwischen Ehegatten gab es Streit.

5. Die Menschen allgemein nahmen mit der Zeit unmoralische Gewohnheiten an wie zum Beispiel Gier. Als der König diese ernsthaften Störungen und schlechten Vorzeichen bemerkte, sprach er darüber mit seinem jüngeren Bruder.

6. Yudhisthira sprach zu Bhima: Arjuna ist fortgegangen nach Dvaraka, um seine Freunde zu treffen und zu erfahren, was Krishna, der in den Hymnen Gepriesene, vor hat.

7. Es ist nun schon sieben Monate her, seitdem unser jüngerer Bruder aufgebrochen ist, lieber Bhima, und ich kann mir nicht erklären, weshalb er noch nicht zurückgekehrt ist.

8. Ist es so, wie der göttliche Weise (Narada) uns belehrte, dass für den Glücklichen die Zeit gekommen ist, als das Selbst seinen manifestierten Körper wieder zu verlassen?

9. Von ihm haben wir unseren Reichtum, unsere Königsherrschaft und unsere Gemahlinnen. Durch ihn sind die Existenz unserer Dynastie und unserer Untertanen erst möglich geworden und dank ihm konnten wir unsere Gegner besiegen und in dieser Welt leben.

10. Betrachte nur, der du stark wie ein Tiger bist, die Störungen in der Konstellation der Planeten, in den Geschehnissen auf der Erde und in den Zuständen von Körper und Geist. Es sind alarmierende Hinweise auf eine Gefahr, welche in naher Zukunft unsere Intelligenz in die Irre führen wird.

11. Immer wieder erzittern meine Oberschenkel, Augen, Arme und meine linke Körperseite, und mein Herz rast vor Furcht. Dies alles weist auf unerfreuliche Ereignisse hin.

12. Schau, o Bhima, wie der Schakal bei Sonnenaufgang schreit und Feuer schnaubt und wie der Hund mich ohne Furcht anbellt.

13. O Tiger unter den Menschen, die Kühe lassen mich links liegen, Esel und andere Tiere umkreisen mich, und meine Pferde sehe ich weinen.

14. Die Taube erscheint wie eine Botin des Todes, und die schrillen Schreie der Eulen und ihrer Rivalen, der Krähen, lassen mein Herz erzittern, denn sie hören sich an, als ob die Vögel wünschten, das Universum solle leer werden.

15. Mein lieber Bruder, schau, wie Rauch von überall her uns umkreist und wie die Erde mit ihren Hügeln und Bergen bebt, während laute Donnerschläge aus dem Blau des wolkenlosen Himmels ertönen.

16. Der Wind bläst scharf, der Himmel wird verdunkelt vom Staub, den er mit sich trägt, und die Wolken regnen Blut: eine allgegenwärtige Katastrophe.

17. Die Sonne hört auf zu scheinen, und sieh: die Sterne am Himmel verlassen ihre Bahnen und stoßen zusammen, und die Lebewesen schreien, als ob sie in Flammen stünden.

18. Die Ströme und ihre Nebenflüsse, die Seen und das Gemüt sind aufgewühlt, und das Feuer lässt sich nicht einmal mit Hilfe von Butter entzünden. Was ist dies für eine ungewöhnliche Zeit? Was mag geschehen?

19. Die Kälber saugen nicht an den Eutern und die Kühe wollen sich nicht melken lassen. Sie sehen aus, als ob sie sich fürchteten und Tränen weinten, und die Stiere vergnügen sich nicht mehr auf den Weiden.

20. Die Götterstatuen machen den Eindruck, als ob sie weinten und schwitzten und die Tempel verlassen wollten, und die großen und kleinen Städte, Dörfer, Gärten, Bergwerke und Einsiedeleien haben ihre Schönheit verloren, und alle Fröhlichkeit ist von ihnen gewichen. Was für Katastrophen werden uns zustoßen?

21. Ich bin überzeugt, alle diese großen Aufwallungen zeigen sich, weil die Lotosfüße des Glücklichen nicht mehr über die Erde wandeln. Der höchsten Person beraubt, wird die Erde kein Glück mehr haben ohne die Schönheit seiner Fußspuren.

22. O Brahmane (Saunaka), während der König die schlechten Vorzeichen beobachtete und so in seine Gedanken versunken war, kehrte Arjuna aus dem Reich der Yadus zurück.

23. Er fiel, niedergeschlagen wie nie zuvor, dem König zu Füßen, und aus den Lotosaugen seines zu Boden geneigten Antlitzes kamen Tränen.

24. Als er das bleiche Gesicht Arjunas erblickte, das von der Besorgnis in seinem Herzen sprach, fragte ihn der König, welcher sich an die Worte Naradas erinnerte, inmitten aller Verwandten und Freunde:

25. Verbringen unsere Verwandten bei den Yadus in Dvaraka - Madhu, Bhoja, Dasarha, Arha, Satvata und Andhaka - glücklich und zufrieden ihre Tage?

26. Erfreut sich mein ehrwürdiger Großvater Surasena guter Gesundheit an seinem Lebensabend, und geht es meinem Onkel Vasudeva und allen seinen jüngeren Brüdern gut?

27. Sind seine Gemahlinnen - meine Tanten, die sieben Schwestern mit Devaki als der ältesten - alle wohlauf mit ihren Söhnen, Enkeln und Schwiegertöchtern?

28.-29. Sind König Ugrasena, dessen Sohn der verbrecherische Kamsa war, und sein jüngerer Bruder Hridika noch am Leben und sind sein Sohn Kritavarma sowie Akrura, Jayanta, Gada, Sarana und Satrujit alle glücklich und zufrieden? Befindet sich auch der glückliche Balarama wohl, welcher der Beschützer der Frommen ist?

(Kamsa war der Cousin von Krishnas Mutter Devaki. Um auf den Thron zu gelangen, hatte er seinen Vater König Ugrasena ins Gefängnis werfen lassen. Nach der Vermählung von Devaki und Vasudeva prophezeite ihm eine Stimme, der achte Sohn des Paares würde ihn töten. Daraufhin hielt er beide im Palastkerker gefangen und tötete die ersten sechs Kinder gleich nach der Geburt. Das siebente - Balarama - konnte nach einer scheinbaren Fehlgeburt gerettet werden. Krishna kam als achtes Kind zur Welt. Durch seine Wunderkräfte schliefen die Wärter ein, die Kerkerketten zersprangen und die Türen öffneten sich. Vasudeva konnte mit dem Neugeborenen fliehen. Krishna wuchs im Verborgenen auf und tötete später Kamsa.

30. Geht es dem großen Kämpfer Pradyumna (einem Sohn Krishnas) und allen anderen Mitgliedern der Vrishni-Familie gut? Und der glückliche Aniruddha (ein Enkel Krishnas) muss sich doch eines blühenden Lebens erfreuen?

31. Und was machen Sushena, Carudeshna and Samba, der Sohn Jambavatis, und die anderen hervorragenden Söhne Krishnas und deren ausgezeichnete Söhne wie Rsabha und alle anderen?

32.-33. Sind auch die ständigen Begleiter Krishnas wie Srutadeva und Uddhava sowie Sunanda, Nanda und die anderen Anführer wohlauf? Und geht es den anderen befreiten Seelen, den Besten unter den Menschen, ebenfalls gut? Und denken jene, die unter Krishnas und Balaramas Schutz leben und uns in ewiger Freundschaft verbunden sind, auch an unser Wohlergehen?

34. Erfreut sich Govinda, der Glückliche (Krishna), welcher hingebungsvoll für seine Verehrer und für die Brahmanen sorgt, in Dvaraka der frommen Gemeinschaft mit seinen Freunden und Verwandten?

35.-36. Zum Schutz und zum Wohle aller in allen Welten ist im Ozean der Yadu-Dynastie die ursprüngliche, höchste Person (Krishna) gemeinsam mit Ananta (Balarama) erschienen. In seiner Stadt leben die Yadus, beschützt durch seine Arme, wie sie es verdienen, im Genuss übernatürlicher Wonnen wie die Bewohner des Himmels.

37. Durch liebenden Dienst an seinen Füßen, welches die wichtigste Handlung überhaupt ist, veranlassten ihn seine sechzehntausend Gattinnen, angeführt durch Satyabama, von den Himmelsbewohnern zu erobern, was die Freude der Götter ist (die Parijata-Blume) und was sonst nur den Gemahlinnen der Gottheit zusteht, welche den Donnerkeil schleudert.

38. Da die großen Helden der Yadu-Dynastie unter dem Schutz von Krishnas Armen leben, können sie immer ohne Furcht die Versammlungshalle Sudharma betreten, welche Krishna (vom Himmelsgott Indra) erobert hat und derer sonst nur die Besten unter den Göttern würdig sind.

39. Mein lieber Bruder, bist du bei guter Gesundheit? Wie mir scheint, hast du deinen Glanz verloren. Hat man dich respektlos vernachlässigt, lieber Bruder, oder kommt es von deiner langen Abwesenheit?

40. Hat man dich unfreundlich angeredet oder bedroht oder konntest du dich nicht wohltätig erweisen, wo du gebeten wurdest, oder ein Versprechen nicht halten?

41. Konntest du jene nicht schützen, welche dich darum baten und deine Sorge verdienen, die Brahmanen, die Kinder, die Kühe, die Alten, die Kranken und die Frauen?

42. Hattest du Umgang mit einer unehrenhaften Frau oder hast du einer ehrenhaften Frau unrecht getan? Oder bist du etwa auf der Reise besiegt worden durch Schwächere oder Gleichstarke?

43. Hast du es alten Männern oder Jungen, die es verdienten, verweigert mit dir zu speisen, oder hast du etwas Schreckliches getan, das unverzeihlich ist?

44. Oder ist es so, mein Bruder Arjuna, dass du eine innere Leere verspürst, weil du Krishna, den geliebten Freund deines Herzens, für immer verloren hast? Ich kann mir keinen anderen Grund denken, weshalb du so niedergeschlagen bist.

Montag, 15. November 2010

1.13 Wie Dhritarashthra seinen Palast verließ

1. Suta sprach: Vidura hatte Erkenntnis über das Selbst erlangt durch den Weisen Maitreya, als er auf der Reise zu verschiedenen Pilgerstätten war. Da er nun alles wusste, was es zu wissen gibt, kehrte er in die Stadt Hastinapura zurück.

(Vidura war ein jüngerer Bruder Dhritarasthras. Er gehörte der Arbeiter-Kaste - Shudras - an, weil er als Sohn Vyasas von einer Magd der Mutter Pandus geboren war. Dhritarasthra war der Vater der Kauravas und Onkel der Pandavas. Sein Bestreben, den Pandavas das Königreich zu entreißen für seine eigene Söhne führte zu der Schlacht von Kurukshetra.)

2. Nachdem er alle Fragen gestellt hatte und in der Gegenwart Maitreyas die Hingabe an Govinda (Krishna) in ihm gewachsen war, hatte Vidura aufgehört zu fragen.

3.-4. Ihr Brahmanen, als seine Verwandten ihn kommen sahen, wurde er begrüßt von Yudhishthira und seinen jüngeren Brüdern, von Dhritarashthra, Satyaki and Sanjaya, Kripacarya, Kunti, Gandhari, Draupadi, Subhadra, Uttara, Kripi, von anderen Ehefrauen der Familienmitglieder der Pandavas sowie von weiteren Damen mit ihren Söhnen.

5. Als ob neues Leben in sie gekommen sei, näherten sie sich ihm voller Freude und empfingen ihn in rechter Form mit Umarmungen und Ehrbezeigungen.

6. In ihrer Zuneigung vergossen sie Tränen der Erleichterung, denn die Trennung von ihm hatte sie mit Sorge und Schmerz erfüllt. König Yudhisthira bat ihn sich zu setzen und ordnete eine Willkommenszeremonie für ihn an.

7. Nachdem Vidura reichlich gespeist, geruht und bequem Platz genommen hatte, verneigte der König sich in Demut vor ihm und richtete in Gegenwart aller das Wort an ihn:

8. Erinnerst du dich, wie wir unter den Flügeln deines Schutzes heranwuchsen und zusammen mit unserer Mutter aus verschiedenen Notlagen wie Vergiftung und Verbrennung befreit wurden?

9. Wie hast du deinen Unterhalt bekommen, als du das Erdenrund bereistest, und welche bedeutenden Pilgerstätten hast du besucht?

10. Wer so hingegeben ist wie du in deiner Güte, wird selbst zu einem Heiligtum, o Mächtiger. Den Höchsten im Herzen, verwandelst du alle Orte in Pilgerstätten.

11. Lieber Onkel, was du von unseren Bekannten und Freunden gehört oder gesehen? Sind die Nachkommen Yadus, die Krishna hingebungsvoll verehren, glücklich dort, wo sie leben?

12. Vom König so gefragt, beschrieb er genau, eines nach dem anderen, alles, was er erlebt hatte. Die Zerstörung der Yadu-Dynastie erwähnte er nicht.

13. Weil er seine Verwandten nicht betrüben wollte, war Vidura so taktvoll nicht von dieser unangenehmen und unerträglichen Erscheinung zu sprechen.

14. So blieb der Weise, mit allen Annehmlichkeiten versehen wie ein Gott, für einige Tage bei ihnen. Er erwies seinem älteren Bruder Gutes, wodurch alle beglückt wurden.

15. Solange Vidura im Körper eines Shudra lebte, wozu er durch den Weisen Manduka für hundert Jahre verflucht worden war, übte Aryama die Aufgabe Yamas aus, die Sünder in angemessener Weise zu bestrafen.

(Yama ist der Herrscher der Unterwelt. Als einer der zwölf Mahajanas – wie z.B. auch Brahma, Narada, Shiva, Bhisma – hat er aber auch die Aufgabe die Menschen Weisheit zu lehren. Dazu verließ er die Unterwelt und inkarnierte als Vidura. Weil es in der Unterwelt aufgrund des großen Andrangs sehr viel Arbeit gibt, hatte Yama während seiner Inkarnation als Mensch in der Unterwelt einen Vertreter: Aryama.)

16. Yudhistira, der das Reich seines Vaters wieder gewonnen hatte und sah, dass ein zum Herrscher geeigneter Enkel geboren worden war, genoss zusammen mit seinen Brüdern, welche alle ausgezeichnete Regenten waren, ein Leben in ungewöhnlichem Reichtum.

17. Die unüberwindliche, ewige Zeit überwältigt unbemerkt jene, die zu sehr an Familien-Angelegenheiten hängen, in ungesunder Weise darin verwickelt und in ihren Gedanken davon besetzt sind.

18. Im Wissen darum sprach Vidura zu Dhritarasthra: O König, ziehe dich sofort und unverzüglich von hier zurück. Sieh nur, wie Furcht dich bereits überkommt.

19. In dieser materiellen Welt gibt es keinerlei Mittel diese Furcht zu überwinden, o Herr, denn es ist Furcht vor dem Glücklichen, welcher in Gestalt der ewigen Zeit sich uns naht.

20. Unvermeidlich durch den Lauf der Zeit überwältigt muss ein jeder sein Leben, wie lieb es ihm auch sei, aufgeben, nicht zu reden von seinem Reichtum und allem, was er erworben hat.

21. Nun da dein Vater, dein Bruder, deine Verwandten und Söhne alle tot sind, dein Leben abgelaufen und dein Körper von Altersschwäche gezeichnet ist, lebst du sozusagen im Hause von jemand anders.

22. Du bist blind seit deiner Geburt, hörst nicht mehr gut, dein Gedächtnis hat nachgelassen und nun fallen auch deine Zähne aus. An der Leber hast du Beschwerden, und du hustest laut Schleim aus.

23. O weh, wie machtvoll ist die Anhänglichkeit der Lebewesen an das Leben! Sie ist so stark, dass sie dich, wie einen Hund im Hause, die Reste von Bhimas (seines Pandava-Neffen) Teller essen lässt.

24. Wie kannst du leben von der Gnade derer, die du verbrennen und vergiften wolltest, deren Ehefrau du beleidigt und deren Königreich du an dich gerissen hast?

25. Ob es dir recht ist oder nicht, du wirst, so sehr du dein Leben auch schätzt, dich damit abfinden müssen, dass dieser elende Leib verschleißt und verschwinden wird wie ein altes Gewand.

26. Es heißt, jemand ist selbstbeherrscht, wenn er, von allen Verpflichtungen befreit, in Gleichmut akzeptiert, seinen materiellen Körper aufzugeben, wenn er ihn nicht mehr recht gebrauchen kann.

27. Der ist sicherlich ein vorzüglicher Mensch, der durch eigene Einsicht oder oder durch andere belehrt in dieser Welt zum Bewusstsein erwacht, dem Verhaftet-Sein an die Materie entsagt und aus seinem Hause fortgeht, geführt durch den Herrn in seinem Herzen.

28. Darum gehe fort nach Norden, ohne deine Verwandten wissen zu lassen, wohin, denn bald wird eine Zeit anbrechen, in der die guten Eigenschaften der Menschen allgemein abnehmen.

29. Nachdem er dies vernommen hatte, zerbrach der alte König aus der Ajamidha-Dynastie, in Respekt vor der Weisheit seines jüngeren Bruders Vidura, standhaft die starken Familienbande und ging fort auf dem Pfad der Befreiung, geführt durch seine inneren Augen.

30. Ihrem Gemahl, welcher sein Haus verließ, folgte die edle, reine, getreue Tochter König Subalas (Gandahri) ins Himalaya-Gebirge, das die Freude jener ist, welche den Stab der Entsagung ergreifen wie Kämpfer, die eine gerechte Züchtigung durch den Feind auf sich nehmen.

31. Jener, der ohne Feinde war, (Yudhisthira) hatte in dieser Zeit die Götter verehrt mit Feuer-Opfern, Verneigungen und Spenden von Getreide, Kühen, Land und Gold an die Brahmanen. Als er in den Palast zurückehrte, um seine alten Verwandten respektvoll zu begrüßen, konnte er seine beiden Onkel und seine Tante Gandhari nicht finden.

32. Voller Besorgnis wandte er sich an Sanjaya, den Sohn Galvaganas (den Sekretär Dhritarasthras), der dort saß, und fragte ihn: Wo ist unser alter Onkel, der sein Augenlicht verloren hat?

33. Wo sind mein mir wohlgesonnener Onkel Vidura und meine Tante Gandhari, welche um ihre gefallenen Nachkommen trauerte? Hat der alte König mir übel genommen, dass seine Söhne durch mich ums Leben gekommen sind, und sich zusammen mit seiner Gattin vor Kummer im Ganges ertränkt?

34. Nach dem Fall meines Vaters, König Pandu, waren unsere Onkel im unserer Kindheit unsere wohlmeinenden Beschützer. Wohin sind sie gegangen?

35. Suta sprach: Sanjaya war unfähig zu antworten, so sehr war er besorgt und von Schmerz erfüllt, seinen Herrn nicht zu sehen, und so sehr bestürzt über die Trennung.

36. In Gedanken an die Füße seines Herrn wischte er mit den Händen die Tränen aus seinem Gesicht und versuchte mit aller Kraft die Fassung wieder zu gewinnen, um Yudhisthira antworten zu können.

37. Er sprach: Ich weiß nichts von dem Entschluss deiner Onkel oder Gandharis, o Nachkomme der Kuru-Dynastie. Die großen Seelen haben mich im Unklaren gelassen.

38. Darauf erschien der glückliche Narada mit seinem Musikinstrument. Yudhisthira und seine Brüder erhoben sich von ihren Sitzen, verneigten sich vor dem Weisen und hießen ihn mit der rechten Ehrfurcht willkommen.

39. Yudhisthira sprach: O Glücklicher, ich weiß nicht, wohin meine Onkel und meine asketisch lebende Tante, welche so sehr um ihre gefallenen Söhne trauert, gegangen sind.

40. Wie der Kapitän eines Schiffes auf dem Ozean bist du, o Glücklicher, unser Führer auf die andere Seite. So angeredet begann der glückliche Narada, der größte unter den ewigen Weisen, zu sprechen:

41. O König, niemals klage aus irgendeinem Grunde, denn du stehst unter der Herrschaft des höchsten Herrn. Alle Wesen auf der Welt und ihre Herrscher bitten ihn um seinen Schutz. Er ist derjenige, der alle zusammen bringt und wieder zerstreut.

42. Wie eine Kuh an einem Strick durch die Nase geführt wird, so sind wir Menschen durch die Bande der Hymnen und Belehrungen in den Veden geführt gemäß dem Willen des Höchsten.

43. Wie in der Welt Spielzeug nach Belieben zusammengesetzt und wieder auseinander genommen wird, so geschieht es auch, dass wir Menschen im Spiel des Herrn zusammen gebracht und wieder getrennt werden.

44. Ob man Personen für ewig hält (als Seelen) oder für vergänglich (als Körper), für beides (als verkörperte Seelen) oder für keines davon (als die absolute Wahrheit), bilden sie niemals einen Grund zur Klage. Man klagt nur, wenn man gefühlsmäßig gebunden oder im Denken verwirrt ist.

45. Darum, o König, lass ab von der Besorgnis, die du nur fühlst aus Mangel an Selbsterkenntnis, und höre auf darüber nachzudenken, wie diese hilflosen armen Geschöpfe ohne dich überleben können.

46. Wie könnte dein Körper, der aus den fünf Elementen besteht und der Zeit, dem Gesetz von Ursache und Wirkung und den Qualitäten der Natur unterworfen ist, fähig sein andere vor einer Schlange zu beschützen, von der er selbst gebissen wird?

47. Jene, die keine Hände haben (die Tiere), sind denen ausgeliefert, die Hände haben (den Menschen); jene ohne Beine (Pflanzen) sind den Vierbeinern ausgeliefert; die Schwächeren sind den Stärkeren ausgeliefert, und so ernährt das Lebendige sich vom Lebendigen.

48. Darum habe nur Augen für jenen, der durch seine Macht der Illusion als das Verschiedene erscheint. Er, o König, ist der Glückliche, der Eine ohne Zweites, die Allseele, die selbst-leuchtend sich manifestiert als das Objekt sowohl wie als das Subjekt der Erkenntnis.

49. O König, der Glückliche, der Vater alles Geschaffenen, ist gegenwärtig in dieser Welt in einer zeitlichen Form erschienen, um zu vernichten, was den Göttern feindlich ist.

50. Der höchste Herr hat sein Vorhaben im Dienste der Götter bereits ausgeführt. Wartet ab und beobachtet, was er weiter tut, solange er noch in dieser Welt weilt.

51. Dhritarashthra, sein Bruder Vidura und seine Gattin Gandhari haben sich aufgemacht nach der südlichen Seite des Himalaya, wo die Weisen ihre Einsiedeleien haben.

52. Der Ort ist bekannt als Saptasrota (sieben Quellen), weil dort der Fluss der Himmel (der Ganges) entspringt und sich in sieben Arme teilt zur Freude aller Wesen.

53. Dhritarashthra nimmt dort regelmäßig ein Bad, bringt Feueropfer dar , wie es vorgeschrieben ist, und trinkt nur Wasser. So kann er Geist und Sinne vollständig beherrschen und sich von der Anhänglichkeit an seine Familie befreien.

54. Indem er die Asanas (Yoga-Haltungen) beherrscht, den Atem kontrolliert, die sechs Sinne zurücknimmt und sich in den höchsten Herrn versenkt, kann er die Verunreinigung durch Leidenschaft, Gutheit und Unwissenheit (die drei Grund-Eigenschaften der materiellen Natur) besiegen.

55. Wenn ein lebendes Wesen seine gereinigte Persönlichkeit im Selbst festhält, geht seine Seele (Atman) in der höchsten Wirklichkeit (Brahman) auf, wie der Raum in einem Topf aufgeht im universellen Raum.

56. Mit dem Enden der Eigenschaften der materiellen Natur und dem Aufheben ihrer Wirkungen kommen Sinneswahrnehmung und Aktivität des Gemüts zum Erliegen; denn sie werden nicht mehr genährt, wenn jemand konzentriert und bewegungslos dasitzt und allen Pflichten entsagt, die ihn daran hindern könnten.

57. O König, mit hoher Wahrscheinlichkeit wird Dhritarasthra seinen Körper heute in fünf Tagen verlassen, und dieser wird von selbst zu Asche werden.

58. Wenn seine treue Gattin von draußen sieht, wie der Körper ihres Gemahls zusammen mit seiner Einsiedelei in Flammen aufgeht, wird sie ihm mit vollem Bewusstsein in dieses Feuer folgen.

59. Vidura wird dieses wunderbare Ereignis mit einer Mischung aus Freude und Schmerz beobachten, o Sohn der Kuru-Dynastie, und dann von dort aus zu einer inspiriernden Pilgerfahrt aufbrechen.

60. Nach diesen Worten erhob sich Narada mit seinem Saiteninstrument in den Himmel. Yudhisthira nahm sich seine Belehrungen zu Herzen und hörte auf zu klagen.